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1 EINLEITUNG

1  EINLEITUNG:  

ÜBER DIE BESCHÄFTIGUNG MIT GRAFFITI IM KUNSTUNTERRICHT

Niemals zuvor in der Geschichte der Kunst ist es vorgekommen, dass junge Menschen durch ihre eigene ästhetische Praxis eine unverwechselbare, eigenständige Kunstrichtung hervorgebracht haben, und niemals zuvor in der Geschichte der Kunst haben sich junge Menschen so massenhaft und weltweit mit einer Kunstrichtung identifiziert. Die Rede ist von Graffiti, einer Jugendästhetik, die kulturübergreifend und über ethnische Grenzen hinweg das Lebensgefühl junger Generationen ausdrückt, einer "Jugendbewegung", die nach wie vor international boomt und deren Ende nicht abzusehen ist.

Dies allein ist Grund genug, sich mit Graffiti auch im schulischen Unterricht, besonders im Kunstunterricht, intensiv zu beschäftigen. Wenngleich Graffiti in den letzten Jahren erfreulicherweise wohl zunehmend zum Gegenstand des Kunstunterrichts gemacht worden sind, so ist die didaktische Literatur zum Thema immer noch ausgesprochen spärlich. Ausführliche kunstunterrichtliche Hinweise finden sich - sieht man von der Erstveröffentlichung dieser Publikation aus dem Jahre 2002 ab - bis jetzt nicht. Offensichtlich besteht an kunstunterrichtlichen Hinweisen aber nach wie vor Bedarf. Wie wäre es sonst zu erklären, dass die 2004 erstellte Internetfassung dieser Veröffentlichung seit Jahren bei Google zwischen Homepages von Graffiti-Crews und Hip-Hop-Läden unter den Top Ten von mittlerweile ca. 60 Mio. Einträgen zum Suchwort "Graffiti" rangiert?


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Veränderungen in der Graffiti-Szene, der Rechtsprechung und im schulischen Unterricht machten es notwendig, Druckfassung und Internetfassung dieser Veröffentlichung zu aktualisieren. Was aber bereits in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts galt, gilt noch immer: Wer seinen Kunstunterricht zuallererst an pädagogischen Zielsetzungen ausrichtet (und nicht nur so tut), wem es also um einen schülerorientierten, realitätsnahen Unterricht ernst ist, in dem sich die Schüler/innen mit dem, was sie herstellen, auch tatsächlich identifizieren (und nicht nur so tun), der wird selbstredend Graffiti in seinem Unterricht - zumindest in der Sekundarstufe I - thematisieren. Schülerorientierung und Aktualitätsbezug garantieren zudem etwas, was sonst im schulischen Alltag nicht eben häufig vorfindlich ist: fast ausnahmslos hohe Motivation und Begeisterung. Graffiti im Kunstunterricht sind für Schüler/innen der Sekundarstufe I von großer Faszination, wird doch ein Stück des eigenen Lebensgefühls im Unterricht spürbar.

Selbstverständlich ist es nicht unproblematisch, wenn ursprünglich subkulturelle und auch subversive bildkünstlerische Ausdrucksformen didaktisiert werden. Aber: Die Befürchtung, Graffiti würden als Gegenstand pädagogischer Bemühung domestiziert, ist romantisierend und verkennt die Wirkung pädagogischen Handelns. Der schulische Einfluss sollte nicht überschätzt werden, genauso wie der Umstand, dass für den ernsthaften Sprayer die Herstellung von Graffiti eine Lebenshaltung, eine Art Lebenskunst ist, nicht unterschätzt werden sollte. Die Graffiti-Bewegung ist stark genug, schulische "Annäherungsversuche" schadlos zu überstehen.

Worum geht es also im Einzelnen? Zum einen geht es darum, den in (fast) jeder Schule vorfindlichen ernsthaften und geübten Sprayern im Rahmen der Institution Schule oder benachbarter Institutionen durch die Bereitstellung öffentlicher Wände eine Möglichkeit legalen Arbeitens zu verschaffen. Mit ihnen gemeinsam können im Kunstunterricht Konzepte für anspruchsvolle Pieces entwickelt werden, die dann - z.B. im Rahmen von Projektwochen - realisiert werden können. Hier kommt dem Kunstunterricht eine wichtige sozialpädagogische Funktion zu. Die Ästhetik der jugendlichen Subkultur wird akzeptiert, mag sie z.T. den ästhetischen Vorlieben der Erwachsenen widersprechen. Sie wird vielleicht weiter entwickelt. Auf jeden Fall aber wird geübten Sprayern Gelegenheit gegeben, ihr häufig undemokratisches Tun zu sozialisieren und so der Gefahr, kriminalisiert zu werden, wenigstens teilweise zu entgehen. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten geübten Sprayer schulische Angebote dieser Art gerne annehmen und mit viel Spaß und großer Intensität legale Graffiti auf den bereit gestellten Wänden realisieren. Dass auch auf das Know-how geübter Sprayer für die Planung und Durchführung von Kunstunterricht mit eher ungeübten Jugendlichen zurückzugreifen ist, versteht sich von selbst.


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Schwerpunktmäßig geht es zum anderen darum, sich mit eben diesen zumeist völlig ungeübten, aber graffitibegeisterten Jugendlichen - und das ist die Mehrheit der Schüler/innen - langsam und sensibel dem Thema anzunähern. Jugendlichen Sympathisanten, die sich für Graffiti begeistern, sich aber nie trauten oder nie eine Chance hatten, auf diesem Gebiet tätig zu werden, ist im Kunstunterricht Raum zur Erprobung zu geben. Kunstunterricht also auch als Animation für zukünftiges illegales Handeln? Ganz sicher nicht. Dazu ist es allerdings notwendig, dass die Jugendlichen unmissverständlich auf die Konsequenzen unerlaubten Sprühens hingewiesen werden und dass die Herstellung von Graffiti im Kunstunterricht von Vornherein mit relativ hohen ästhetischen Ansprüchen verbunden wird. Den Schüler/innen muss deutlich werden, dass es heute nicht mehr darum gehen kann, seine "visuellen Duftmarken" in Form von Tags zu hinterlassen, um wie vor über einem Vierteljahrhundert in New York sein Revier zu markieren. Ihnen muss auch deutlich werden, dass illegale Graffiti häufig ästhetisch anspruchslose Graffiti sind, weil sie zumeist unter großem Zeitdruck entstehen. Aus diesen Gründen sollte im Fach Kunst neben der Behandlung der Geschichte und der Zielsetzungen der Graffiti-Bewegung das Hauptaugenmerk auf die wesentlichen fachimmanenten Aspekte, Gestaltungsaspekte also, gerichtet werden. Sich mit gestalterischen Fragestellungen auseinanderzusetzen, ist genuine Aufgabe des Kunstunterrichts. Schüler/innen haben ein untrügliches Gespür für die ästhetische Qualität von Graffiti. Eine befriedigende Qualität ist aber nur durch entsprechende gestalterische und technische Vorübungen zu erreichen. Vor allem hierzu werden in dieser Veröffentlichung didaktisch aufbereitete Arbeitsmaterialien zur Verfügung gestellt.

Sicher besteht ein wichtiger Grund für die Beschäftigung mit Graffiti in einem pädagogisch bestimmten Kunstunterricht auch in der Ventilfunktion von Graffiti. Wie die anderen Betätigungen im Rahmen der Hip-Hop-Bewegung - Rapping, DJing, Breakdance u.a. - trägt auch die Herstellung von Graffiti bei zum Abbau von Aggressionen und Gewalt. Aber es ist letztlich zu wenig, wenn sich der Kunstunterricht damit begnügt, kreatives Aktivwerden zu initiieren, um überschüssige oder fehlgeleitete Aktivität in die erwünschten Bahnen zu lenken. Ein an pädagogischen Zielsetzungen ausgerichteter Kunstunterricht will und kann mehr. Er steigert das in dieser Entwicklungsphase angeschlagene Selbstwertgefühl von Jugendlichen und stabilisiert deren labile Identität, indem er Mittel und Materialien bereitstellt, die Schüler/innen in die Lage versetzen, bildnerisch befriedigende oder sogar beachtliche, anspruchsvolle Produkte herzustellen, zu denen sie sich mit ihrer ganzen Person bekennen können. Werden solche Produkte innerhalb der Institution Schule öffentlich, tragen sie dazu bei, dass sich Jugendliche stärker mit dem Ort identifizieren, an dem sie einen nicht eben unbedeutenden Teil ihrer Lebenszeit verbringen. Werden solche Produkte darüber hinaus an anderen legalen Orten oder im Internet öffentlich, kann dies nur zu einer zusätzlichen Steigerung des Selbstwertgefühls und zur Identitätsfindung der jugendlichen Produzent/innen beitragen.
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