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11 BEZÜGE ZUR BILDENDEN KUNST

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BEZÜGE ZUR BILDENDEN KUNST

11.1 Vorbemerkung 254
11.2 Andy Warhol 255
11.3 Keith Haring 257
11.4 Jean - Michel Basquiat 260
11.5 Harald Naegeli 262
11.6 Banksy

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11.1   VORBEMERKUNG

Der Umgang mit Werken der bildenden Kunst im Kunstunterricht der Sekundarstufe I ist in der Regel alles andere als einfach. Das gilt zumindest für die Rezeption von Werken vergangener Epochen, gelingt es doch zumeist nur schwer, bei Jugendlichen ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Geschichte immer auch ein Bestandteil von Gegenwart ist, dass historische Kunstwerke also auch "etwas mit ihnen", den Jugendlichen, "zu tun haben".

Schwierigkeiten solcher Art ergeben sich im Umgang mit Werken bestimmter bildender Künstler der jüngeren und jüngsten Gegenwart weniger und zumeist gar nicht, wenn es sich um Arbeiten von Andy Warhol und Keith Haring handelt. Diese Künstler der Pop Art bzw. der Post Pop Art zählen bei Jugendlichen zu den ausgesprochenen Favoriten. *)
Vor allem Haring, aber auch Jean - Michel Basquiat, stellen für Jugendliche ein besonderes Faszinosum dar: Beide Künstler gehörten zunächst - wenngleich auf unterschiedliche Weise - der Graffiti - Szene im New York der achtziger Jahre an und die steile künstlerische Karriere beider macht deutlich, dass es, hohe Begabung vorausgesetzt, möglich ist, ein Ziel zu erreichen, von dem viele Jugendliche erfüllt sind: Getting Up, Getting Fame.
Die Bildwelten Harings und Basquiats "(...) erzeugten bei einer ganzen Generation Jugendlicher und junger Erwachsener ein Bewußtsein für authentisches Leben." **)

*) Vgl. Martin Oswald: Graffiti im Unterricht. Ein Plädoyer. In: Kunst und Unterricht, Heft 172/1993, S. 40 - 41, hier S. 40.
Einen leichten Zugang haben Jugendliche übrigens auch zu den Werken Roy Lichtensteins (1923 -1997); manche Graffiti - Pieces weisen eine gedankliche Affinität zu den überdimensionierten Comicausschnitten Lichtensteins auf.

**) Zit. Holger Schnapp/Annegret Wöstmann - Schnapp: Sprungbrett Underground. Keith Haring und Jean - Michel Basquiat, die Ziehsöhne Andy Werhols. In: BDK - Mitteilungen 1/94, S. 24 - 28, hier S. 24.

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Ähnliches lässt sich von den Werken Andy Warhols und Roy Lichtensteins in Bezug auf junge Leute in den sechziger Jahren behaupten. Zwar sind heute zum großen Teil andere Stars und Konsumartikel als jene, die Warhol verbildlicht hat, von Bedeutung, aber: In ihrer Hinwendung zum Alltäglichen, Banalen und Trivialen haben die Arbeiten Warhols (wie auch die überdimensionierten Comicausschnitte Lichtensteins) nichts an Aktualität und Wirksamkeit eingebüßt. Harings Bemerkung "Nichts ist banal" kann als Wiederholung mit anderen Worten von Warhols Ausspruch "All is pretty" aufgefasst werden. Es ist deshalb nur konsequent, wenn hier außer auf Haring und Basquiat näher auf deren "Vorbild" Warhol eingegangen wird, dessen Serigrafien zudem große Nähe zu Tontrennungen, Schablonendruck und Schablonengraffiti aufweisen.

Einen Sonderfall im Rahmen der unmittelbar mit Graffiti verbundenen bildenden Kunst stellen die Sprayzeichnungen von Harald Naegeli, dem "Sprayer von Zürich", dar. An seinem Beispiel kann besonders gut das Problem "Sprayen: Kunst oder Sachbeschädigung?" verdeutlicht werden. Deshalb werden hier auch einige Bemerkungen zu Naegeli gemacht. *)

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11.2   ANDY WARHOL

Die Angaben über das Geburtsdatum von Andy Warhol schwanken zwischen 1928 und 1931. Warhol wird unter dem Namen Andrew Warhola als Sohn eines tschechischen Bergmanns und Bauarbeiters in Forest City/Pennsylvania geboren. Er stirbt am 22.2.1987 an den Folgen einer Operation.

1945 schließt Warhol seine Schulausbildung mit dem High School - Diplom ab. Von 1945 bis 1949 studiert er am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh und erlangt hier den Grad eines Bachelor of Fine Arts. Nach Abschluss des Studiums zieht er nach New York und arbeitet hier außerordentlich erfolgreich als Werbegrafiker für die Zeitschriften Vogue und Harper's Bazaar, fertigt Werbezeichnungen für die renommierte Schuhfirma I. Miller an und gestaltet Schaufensterdekorationen für das Kaufhaus Bonvit Teller. Von nun ab nennt er sich Andy Warhol.

1952 wird in der Hugo Gallery in New York Warhols erste Einzelausstellung veranstaltet. 1953 - 1955 entwirft er u.a. Bühnenbilder für eine Theatergruppe am Broadway. Strohblond gefärbte Haare werden zu seinem unverwechselbaren Markenzeichen. 1956 unternimmt Warhol eine Reise nach Europa, durch die er entscheidende Anregungen für die Malerei erhält, vor allem durch den Besuch von Florenz. Im selben und im folgenden Jahr erhält er verschiedene Preise für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Werbegrafik.

1960 entstehen - wie übrigens auch bei Roy Lichtenstein - die ersten Bilder, die auf Comics basieren, sowie zwei erste Bilder mit Coca - Cola - Flaschen. Ab 1962 produziert Warhol serielle Bilder im Siebdruckverfahren mit Motiven von Hollywood - Superstars, wie Elvis Presley (1964), Liz Taylor (1965), Marilyn Monroe (1967) sowie anderen berühmten Persönlichkeiten, z.B. Jackie Kennedy (1964). Daneben fertigt er

*) Die Ausführungen in Kap. 11 sind als Sachinformation gedacht. Sollen die Bezüge zum Kunstunterricht thematisiert werden, so ist die didaktisch-methodische Aufbereitung je nach vorgefundener Unterrichtssituation selbst vorzunehmen. Eine Anregung hierzu können die im Zusammenhang mit der Behandlung des Werks von Keith Haring entstandenen Schülerarbeiten (vgl. Kap. 11.3) geben.

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Bildnisse von Künstlern, Kunstsammlern, Politikern, steckbrieflich gesuchten Verbrechern und sich selbst an. Ferner entstehen die sog. Katastrophen - Serien, wie "Car Crash", "Suicide" und "Electric Chair".
Andere Bildmotive werden aus Blumen oder Dollarscheinen gebildet oder beziehen sich auf bekannte Konsumartikel: Coca Cola, Campbell's Suppendosen, Kellog's Cornflakes, Heinz' Tomato Ketchup, Brillo Boxes u.a. Warhol wird zu einem führenden Vertreter der Pop Art.

1963 beginnt er mit der "Underground" - Filmproduktion. In der Folgezeit entstehen mehr als 75 Filme. Die erste europäische Einzelausstellung hat Warhol 1964 in Paris; die erste europäische Museumsausstellung wird 1968 in Stockholm durchgeführt. Im selben Jahr wird Warhol das Opfer eines Attentats: Er wird von einer Feministin niedergeschossen und lebensgefährlich verletzt. Nachdem sich Warhol über Jahre vornehmlich dem Film widmet, wendet er sich 1972 mit einer Serie von Bildnissen Mao Tse - Tungs wieder der Bildproduktion zu. Es folgen Porträts zahlreicher berühmter Zeitgenossen und historischer Persönlichkeiten und ab 1979 auch sog. Reversals, also Wiederaufnahmen bereits in früherer Zeit bearbeiteter Bildmotive, z.B. die "Negativserie" mit dem Bild Marilyn Monroes, das Warhol schon 1962 gestaltet hat. Neben zahlreichen Auftragsarbeiten entstehen zwischen 1982 und 1986 auch Serien, in denen bekannte Kunstwerke (insb. aus der Renaissance) als Bildvorlage benutzt werden. Von 1983 bis 1985 arbeitet Warhol zeitweise auch mit Jean - Michel Basquiat zusammen (vgl. S. 261). Die letzten Bildserien haben Porträts von Lenin und Selbstbildnisse zum Inhalt.

Als Ausgangspunkt der Foto - Siebdrucke Warhols dienen vor allem Pressefotos und von ihm selbst hergestellte Polaroid - Fotos, die dann künstlerisch "verarbeitet" werden. 1962 gründet Warhol in einem von ihm angemieteten Speicher in New York die "Factory"; hier versammelt er eine Gruppe experimentierfreudiger, junger Künstler um sich. Wie in den Werkstätten früherer Epochen (etwa dem Atelier Rembrandts) führen Mitarbeiter und Assistenten der Andy Warhol Production die Vervielfältigung und häufig auch die bildnerische Realisierung von Warhols Werken nach dessen Entwürfen durch. Die Produktivität ist außerordentlich hoch. Von August bis Ende 1962 entstehen über 2000 Bilder. Zur Nutzung des Foto - Siebdruckverfahrens äußert sich Warhol folgendermaßen:
"Ich habe versucht, sie (die Gemälde mit den Dollarscheinen) mit der Hand zu malen, aber ich finde es einfacher, ein Sieb zu verwenden. So brauche ich meine Objekte überhaupt nicht zu manipulieren. Einer meiner Assistenten, ja eigentlich jeder, kann den Entwurf genauso gut reproduzieren wie ich selbst." *)
Warhol braucht seine Bildobjekte insofern nicht zu manipulieren, als er durch die Übernahme von Fotos nicht selbst Abbilder der Realität entwickeln muss. Selbstverständlich unterliegen die vorgefundenen Fotos aber einem künstlerischen Gestaltungsprozess. Zunächst fällt auf, dass die Siebdrucke Tontrennungen ähnlich sind, da die gedruckten Schwarzweißfotografien relativ wenig Grautöne aufweisen, also recht kontrastreich wirken. Diese Wirkung mag zum einen mit den Fotovorlagen zusammenhängen, wird zum anderen aber wohl auch durch die fotomechanische Übertragung der Fotos auf das Sieb und den Druckvorgang erzielt.
Der künstlerische Gestaltungsprozess bezieht sich im weiteren auf die Vergrößerung und die farbige Gestaltung des Bildmotivs (z.B. Einfärbungen bestimmter Bildteile oder mit Silberspray eingefärbte Bilduntergründe). Er erstreckt sich auch auf den Farbauftrag (z.B. ungleichmäßiger Druck), Passerdifferenzen bei verschiedenen Bildern einer Serie mit demselben Motiv oder die Entscheidung über die Anordnung (die Abfolge) der Drucke. Schließlich werden manche Siebdrucke mit Öl- oder Acrylfarben übermalt oder bestimmte Bildteile durch Konturierung hervorgehoben.

Indem Warhol z.B. die Porträtfotos Marilyn Monroes durch grelle oder silberne Einfärbungen verändert, verwandelt er die fotografischen Bildnisse in strahlungskräftige Ikonen, in denen die kollektiven Vorstellungen von Schönheit, Erfolg, Sex und ewiger Jugend personifiziert werden. Warhol zeigt also nicht das tatsächliche Bild der

*) Zit. Andy Warhol in: Klaus Honnnef: Andy Warhol. Köln, 1994, S.54.
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Dargestelllten, sondern das, das sich die Öffentlichkeit von der Person macht. Die vorhandene Schönheit wird durch die spezifische Farbgebung verstärkt. Seine wesentliche Absicht, nämlich die Vermassung des Individuums sowie die Nivellierung des Geschmacks zu verdeutlichen, vermittelt Warhol vornehmlich durch Verdopplung und Vervielfachung des jeweiligen Bildmotivs (zumeist in einem Raster angeordnet).
Warhol erklärt dazu lapidar:
"Und was die Frage angeht, ob es ein symbolischer Akt ist, die Monroe in derart grellen Farben zu malen, so kann ich nur sagen: Mir kam es auf die Schönheit an, und sie ist schön; und wenn etwas schön ist, dann sind's schöne Farben. Das ist alles. So oder so ähnlich verhält sich die Geschichte." *)
Durch Serienbildung, durch die endlos erscheinende Wiederholung desselben Bildmotivs werden die dargestellten Personen zur Ware, zum Konsumartikel, zum eingetragenen Markenzeichen. Wie sagte doch Marlene Dietrich: "Ich bin zu Tode fotografiert worden."
Oder anders ausgedrückt: Andy Warhol hat die Welt zur Kenntlichkeit entstellt.

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11.3 KEITH HARING

Keith Haring wird am 4.5.1958 in der Provinzstadt Kutztown/Pennsylvania geboren und stirbt 31-jährig am 16.2.1990 in New York an den Folgen von Aids.
Bereits als Kind zeichnet er gemeinsam mit dem Vater, einem Angestellten einer Telefongesellschaft, kleine Bildgeschichten in Comic - Manier. Die Schulzeit gestaltet sich schwierig: Haring experimentiert mit Drogen und Alkohol, schwänzt die Schule und begeht kleine Diebstähle. Dennoch schafft er 1976 den High School - Abschluss und gewinnt mit einem vier Meter langen Comic einen Preis.
Nachdem er einige Monate an der Art School in Pittsburgh Werbegrafik studiert hat, verlässt er die Schule. Er reist nun kreuz und quer durch die USA, perkfektioniert seinen Zeichenstil und hält sich mit Aushilfsjobs über Wasser; zeitweise lebt er von der Fürsorge.

1978 zieht er nach New York und schreibt sich hier an der School of Visual Arts ein. Seine wichtigsten Lehrer werden Joseph Kosuth und Keith Sonnier. In East Village schließt er sich Cliquen an, deren Lebensgefühl sich in Punk - Musik, Breakdance, Rap und Graffiti ausdrückt. Er arbeitet aber nicht in einer Gruppe, sondern entwickelt als Individualist seinen persönlichen Stil: Ab 1980 entstehen die ersten illegalen Graffiti in New Yorker U-Bahn-Stationen.
Haring zeichnet mit weißer Kreide auf Plakate, die wegen Überschreitens der Hängedauer von der Bahnaufsicht schwarz überklebt werden. Es entstehen bis zu 40 Zeichnungen pro Tag. Die Gewohnheit, schwarz überklebte Plakatwände in den New Yorker Subway - Stationen

*) Zit. Andy Warhol in: Honnef, a.a.O., S.59
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mit Kreidezeichnungen zu versehen, behält Haring bis zu seinem Tode bei. Er wird bekannt durch die fortwährende Wiederholung und Variation bestimmter Bildmotive, so etwa dem Baby im Strahlenkranz oder menschlichen Wesen, deren Köpfe aus Bildschirmen bestehen.

Die auf den ersten Blick heiter wirkenden Darstellungen erweisen sich bei näherem Hinsehen als ethisch oder politisch motivierte Stellungnahmen zu Rassenhass, Gefahren, die durch Kernkraft entstehen, religiösen Perversionen u.ä.:
"So entwickelt er ein Bildprogramm, das trotz aller Einfachheit den Gedanken der Aufklärung und Humanität verpflichtet ist. Er begegnet der immer brutaler werdenden nüchtern - technologischen Welt mit einer neuen und individuellen Form von poetischer Phantasie. Auf die Frage nach der Bedeutung seiner Zeichnungen antwortet er meist lakonisch: Das ist Ihre Sache. Ich mache nur die Zeichnung." *)
Seinen Lebensunterhalt bestreitet Haring zeitweise als Aushilfe in der Galerie Tony Shafrazi, in der Haring 1982 mit Zeichnungen und Gemälden seine erste bemerkenswerte Einzelausstellung hat. Rasch beginnt der Aufstieg. Während Putzkolonnen noch damit beschäftigt sind, die Plakatwände in den New Yorker U-Bahn-Stationen von Harings Graffiti zu befreien, erzielen kleine Zeichnungen des Künstlers bereits Preise bis zu 3000 Dollar.
"Ein Empfang in Andy Warhols Factory treibt seine steile Karriere weiter. Er lernt die Prominenz des Show - Business kennen, wird in die Welt der Stars eingeführt und arbeitet schließlich mit Madonna, Yoko Ono, Brooke Shields, besonders aber mit der schwarzen Sängerin Grace Jones zusammen, deren Körper über und über mit Haring - Zeichen und - Emblemen bemalt und behangen, 1984 die Attraktion einer Performance in der "Paradise Garage" wird." **)
In einem 16-Stunden- Tag, der nur mit Hilfe von Aufputschmitteln und Drogen zu bewältigen ist, schafft Haring eine Unmenge von Zeichnungen, Gemälden, Plastiken, Objekten, Bühnenbildern und Videos, die auf zahlreichen nationalen und internationalen Ausstellungen gezeigt werden. 1981 entsteht Harings erstes großes Wandbild auf einem Schulhof in der Lower Eastside. 1986 bemalt er einen Abschnitt der Berliner Mauer; bis 1989 folgen viele weitere Wandbilder. 1987 arbeitet der Künstler erstmals mit Kindern bei der Bemalung von Wänden zusammen.

Einem erweiterten Kunstbegriff folgend nutzt Haring nicht nur alle Möglichkeiten der Medienwelt, um seine Kunst zu vertreiben, sondern eröffnet 1986 seinen ersten Pop Shop in New York, in dem von ihm gestaltete Textilien und Gebrauchsgegenstände verkauft werden, wie T - Shirts, Kissen, Geschirr, Vasen, Aschenbecher, Uhren, Tragetaschen u.a.; seit 1988 wird ein zweiter Pop Shop in Tokio betrieben. Ein Teil der Einkünfte kommt der Anti - Nuklear - Bewegung und der Aids - Forschung zugute.

Der Tod des Freundes Andy Warhol 1987 löst bei Haring Depressionen aus. In seinen Bildern nehmen die bedrohlichen Inhalte, wie Totenschädel und verstümmelte Körper, zu. Als Haring im Winter 1988 von seiner Aids - Erkrankung erfährt, führt dies zu einer letzten hektischen, rauschhaften Arbeitsphase, in der er sich nochmals verstärkt dem Thema 'Homosexualität' zuwendet.

Keith Haring gehört unbestritten zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart. Er hat mit seinen stilisierten, energiegeladenen Gestalten und den von ihm entwickelten Zeichen und Symbolen, die Gefühle wie Angst, Euphorie, Begierde, Unterdrückung und Hoffnung reflektieren, eine mittlerweile international gebrauchte und verstandene Bildsprache geschaffen.

Harings Kunst ist nicht nur von Pop Art, Comics und Cartoons beeinflusst, sondern erinnert auch an die Kunst der Ägypter, Azteken und Aborigines. Die anfängliche Illegalität des Arbeitens hat zur Ausbildung von zwei unverwechselbaren Kennzeichen Harings künstlerischer Tätigkeit beigetragen: Zügigkeit und gestalte-

* ) Zit. Schnapp/Wöstmann - Schnapp, a.a.O., S. 26. ** ) Zit. Schnapp/Wöstmann - Schnapp, a.a.O., S. 27.
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rische Sicherheit. Unter formal-ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet sind die bildnerischen Darstellungen Harings insb. durch folgende Merkmale und Prinzipien gekennzeichnet:

EIN BEISPIEL FÜR DIE UNTERRICHTLICHE AUSEINANDERSETZUNG MIT KEITH HARING


Bildgestaltungen im Rekurs auf Keith Haring sind im schulischen Bereich beliebt und in vielfältiger Form möglich.

Im Rahmen ihrer Klassenraumrenovierung stellten Schüler/innen des 9. Jahrgangs vom SZ Julius-Brecht-Allee einen Wandfries her, der sich an figurativen Darstellungen von Keith Haring orientiert. Sie übernahmen vorgefundene Figuren, erfanden neue hinzu und brachten die Figuren in eine Reihenfolge.
Die Bildidee: Es sollte eine Reihe von Figuren entstehen, die Schüler/innen in verschiedenen Gefühlslagen zeigt (Freude, Übermut, Ärger, Wut, "kurz vor dem Absturz, aber von der Klasse gehalten" u.ä.).
Nachdem die Schüler/innen verschiedene Farbentwürfe hergestellt hatten, wurden die Umrisse der Figuren mittels Overheadprojektor mit Kreide auf die Wände übertragen; anschließend wurden die Umrisse mit Acrylfarbe schwarz bzw. rot nachgezogen.

Vgl. zur Verwendung von figurativen Darstellungen von Keith Haring als Ausdruck verschiedener emotionaler Befindlichkeiten auch die Schülerarbeiten "LOVE" (S. 168) und "I HAVE A DREAM" (S. 170c).

*) Vgl. hierzu auch die ausführliche Darstellung von Thomas Dreher: Figurenzeichen als Zeichenfiguren, Konturen des Menschenbildes X: Keith Haring. In: Kunst und Unterricht, Heft 172/Mai 1993, S. 10 - 11.
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Schulraumgestaltung, 9. Kl./Realschule
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11.4 JEAN - MICHEL BASQUIAT

Jean-Michel Basquiat *) wird am 22.12.1960 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren. Er stirbt 27-jährig am 12.8.1988 in New York an einer Überdosis Heroin.

Basquiats Eltern stammen aus der Karibik: der Vater aus Haiti, die Mutter aus Puerto Rico. Basquiat beginnt bereits im Alter von vier Jahren zu zeichnen. Die Mutter fördert seine zeichnerische Begabung und nimmt den Jungen ab 1965 mit in die New Yorker Museen. In der Folgezeit besucht Basquiat eine private katholische Schule. Er stellt - inspiriert von Comics, Hitchcock - Filmen u.ä. - Cartoons her. Nachdem sich seine Eltern 1968 trennen, lebt er bei seinem Vater und seinen beiden Schwestern. 1974 zieht die Familie nach Puerto Rico, kehrt

*) Vgl. zu diesem Kapitel Tilman Osterwold (Hg.): Collaborations. Warhol - Basquiat - Clemente. Katalogbuch zu den Ausstellungen im Museum Fridericianum Kassel und in der Villa Stuck München, 1996. Ostfildern - Ruit, 1996 und Schnapp/Wöstmann - Schnapp, a.a.O., S.27 f.
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aber bereits 1975 nach New York zurück. Basquiat läuft mehrfach von zu Hause fort; 1978 zieht er aus und führt fortan eine "Straßenexistenz" als Writer, zunächst unter dem Pseudonym TAR (= Teer), später unter dem Namen SAMO (= Same Old Shit). Zusammen mit seinem Freund Al Diaz sprüht er Graffiti - Sprüche auf Züge und Wände. Um Geld zu verdienen, verkauft er (zumeist in den Straßen von Greenwich Village) kleinformatige Zeichnungen auf Papier sowie handgemalte Postkarten und T - Shirts. 1978 sucht er Andy Warhol in der Factory auf, der ihm eine Postkarte abkauft.

1980 nimmt Basquiat erstmals an einer Gruppenausstellung in New York teil. 1981 hat er seine erste Einzelausstellung in Modena/Italien. Erst 21 Jahre alt, ist er bereits 1982 auf der documenta 7 in Kassel vertreten. Im selben Jahr macht ihn der Zürcher Galerist Bruno Bischofberger offiziell mit Andy Warhol bekannt. Auf Anregung Bischofbergers erwächst 1983/84 aus dieser Bekanntschaft unter Einbeziehung von Francesco Clemente (geb. 1952 in Neapel) eine künstlerische Zusammenarbeit.
Diese Zusammenarbeit setzen Basquiat und Warhol 1984/85 fort; aus der künstlerischen Kooperation geht eine Reihe großformatiger, kollektiv erstellter Gemälde hervor (die sog. Collaborations). Sechzehn dieser Arbeiten werden 1985 bei Tony Shafrazi in New York ausgestellt und erhalten durchweg negative Kritiken. Daraufhin trennt sich Basquiat von Warhol.

In der Folgezeit arbeitet Basquiat in rasantem Tempo, häufig unter Zuhilfenahme harter Drogen. Es folgen wichtige Ausstellungen seiner Arbeiten, die nun zu Höchstpreisen gehandelt werden. Nach Basquiats frühem Tod werden Retrospektiven in bedeutenden amerikanischen und europäischen Museen veranstaltet, so in New York, Nizza, Marseille und Lausanne.

In den Inhalten seiner Bilder verbindet Basquiat das afrikanisch - kreolische Erbe mit den Einflüssen des modernen Amerika. Als karibisch - amerikanischer Künstler ist er einer der engagiertesten Verfechter des schwarzen Beitrags zur amerikanischen Kultur. Folgerichtig beziehen sich seine Bildinhalte ebenso auf die Historie des Sklavenhandels, auf Rassenprobleme oder Rollenklischees wie auf die profane Warenkultur.
Eine besonders intensive Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Warenwelt findet in den "Collaborations" mit Andy Warhol statt:
Basquiat ergänzt und übermalt die von Warhol in der Bildsprache der Pop Art wiedergegebenen, zumeist gemalten Firmen - Logos, Slogans, Zeitungsüberschriften u.ä. Mit diesen Ergänzungen und Übermalungen kritisiert Basquiat einerseits die Heuchelei der Warenkultur und überhöht sie andererseits. "Facts", wie Slogans, Bedienungsanleitungen, Speisekarten, Comics etc., finden auch direkt Eingang in die von Basquiat allein hergestellten Bilder:
Wie in den Merz - Bildern von Kurt Schwitters oder den Combine Paintings von Robert Rauschenberg, so sind auch in manchen Arbeiten Basquiats teilweise übermalte Realmaterialien vorfindlich. Diese Realmaterialien zitieren einen Realitätsausschnitt und fungieren zugleich als formal - ästhetische Mittel. Basquiats neo - expressionistischer Malstil erinnert zuweilen an die Mal- und Zeichenweise ca. vierjähriger Kinder; es handelt sich um einen bewusst und freiwillig gewählten "primitiven", ungelenken Stil, einen Stil, der spontan und spielerisch, aber auch grell, laut und nervös wirkt.

Beeinflusst durch Picasso, Jackson Pollock und Cy Twombly einerseits und die Bildwelt der alltäglichen Realität andererseits versammelt Basquiat auf Leinwänden, Brettern, ausrangierten Türen u.ä. eine Fülle "hingekritzelter" Wörter und Zahlen, abstrakter Zeichen und figurativer Elemente, die er wiederholt, variiert und z. T. wieder durchstreicht oder übermalt.
Erinnert schon der Malstil Basquiats an Graffiti - Kritzeleien, so verweisen auch einige der in den Bildern verwendeten Zeichen auf Basquiats Herkunft als Graffiti - Maler. Dazu zählen z. B. das Copyrightzeichen als Hinweis auf den Originalitätsanspruch des Herstellers und die Krone als Symbol für den Graffiti - King.

Möglicherweise in der Vorahnung des eigenen nahen Todes thematisiert Basquiat in
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seinen letzten Bildern Krankheit, Vergänglichkeit und Tod und orientiert sich dabei an historischen Vorbildern, wie mittelalterlichen Totentänzen oder Dürers "Ritter, Tod und Teufel."

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11.5  HARALD NAEGELI (Der Sprayer von Zürich)

Die Beschäftigung mit Harald Naegeli, dem sog. Sprayer von Zürich, ist im Zusammenhang mit der für Graffiti relevanten bildenden Kunst insb. in Bezug auf staatliche Verfolgung und rechtliche Konsequenzen illegalen Sprühens von Interesse.

1977 tauchen erstmals phantomhaft Sprayzeichnungen in Zürich auf, Zeichnungen des "Sprayers von Zürich", bei dem es sich, wie sich ca. zwei Jahre später herausstellt, um den 1939 in Zürich geborenen Diplom - Psychologen Harald Naegeli handelt. Die Sprayzeichnungen Naegelis geben zu dieser Zeit vornehmlich merkwürdige Strichfiguren und lineare spinnenartige Fabelwesen wieder.

1979 wird Naegeli, auf dessen Ergreifung wegen Sachbeschädigung 3000 Franken ausgesetzt sind, durch Zufall gefasst: Er hat beim Sprayen seine Brille verloren! Im Januar 1981 wird er wegen Sachbeschädigung in 179 Fällen zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.
Naegeli setzt sich nach Deutschland ab und sprüht hier weiter. Bereits im Februar 1981 wird er in Stuttgart erneut gefasst, inhaftiert und zu einer Geldstrafe von 3000 DM verurteilt. In der Berufungsverhandlung wird er in Zürich in 2. Instanz zu neun Monaten Gefängnis ohne Bewährung sowie zur Zahlung von über 100.000 Franken Schadenersatz verurteilt. Naegeli widersetzt sich dem Strafantritt im Februar 1982 und hält sich erneut in Deutschland auf.

1983 - inzwischen von Interpol gesucht - wird Naegeli beim Versuch des Grenzübertritts nach Dänemark in Puttgarden verhaftet. Er muss trotz öffentlicher Einflussnahme von Künstlern, z. B. Joseph Beuys, und Politikern, etwa Willy Brandt, die Haft im Hochsicherheitstrakt in Winterthur in der Schweiz antreten. Wegen guter Führung wird er nach einem halben Jahr vorzeitig entlassen. Seitdem lebt er in Düsseldorf.

Im Gegensatz zu den meisten Sprayern in der Graffiti - Szene versteht sich Naegeli als öffentlicher Rebell. Seine erste Ausstellung hat der Künstler 1982 im Kölnischen Kunstverein mit großformatigen Fotos vom "Kölner Totentanz". (Beim "Kölner Totentanz" handelt es sich um einen Zyklus mit ca. 500 Sprayzeichnungen, die tanzende Skelette, Totenköpfe u.ä. thematisieren.) 1983 folgt eine weitere Fotoausstellung in der Düsseldorfer Kunstakademie.

Nach dem Chemieunfall in der Fa. Sandoz, der ein großes Fischsterben im Rhein zur Folge hat, beginnt Naegeli 1986/87 "halböffentlich" einen Bilderzyklus mit toten Fischen an Brückenpfeiler und Mauern zu sprühen. Mittlerweile sind Naegelis Sprayzeichnungen abstrakter geworden. 1991 stellt der Künstler erstmals Zeichnungen in Museen aus, so in Düsseldorf, Stuttgart und Potsdam. Naegelis politische Ambitionen haben sich deutlich reduziert: 1992 erscheint eine Edition von Bettwäsche, Handtüchern und Bademänteln mit Naegeli - Motiven. *)

"Heute gelten siene Werke als Kunst. Die Stadt Zürich ließ kürzlich eines seiner berühmten Strichmännchen liebevoll restaurieren." **)

*) Vgl. Johannes Stahl (Hg.): An der Wand. Köln 1989, S. 62 ff. und Bernhard van Treeck: Graffiti Lexikon. Moers, 1993, S. 142 ff.
**) Zit. Martin Zips: Ende des Textkampfes. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 168 / 24.07.2006, S. 9



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11.6  BANKSY

Vom Leben des britischen Street-Art-Künstlers Banksy ist so gut wie nichts bekannt, ist es diesem doch bis heute gelungen, sein Inkognito zu wahren. Es wird vermutet, dass Banksy 1974 oder 1975 in Bristol geboren worden ist und mit bürgerlichem Namen Robin oder Robert Banks bzw. Gunningham heißt. Nicht zuletzt die strikte Geheimhaltung seiner Identität ist mit verantwortlich dafür, dass die Arbeiten des Phantoms Banksy Medien, Öffentlichkeit und Sammler gleichermaßen faszinieren.

Banksy führt mit seinen Stencil Graffiti (Schablonengraffiti) in souveräner Manier seit Mitte der neunziger Jahre die in den frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Frankreich von Blek le Rat u.a. entwickelten Pochoirs weiter. Sein Symboltier ist eine gesprühte Ratte. Banksys im urbanen Raum (insb. London) gesprayten Stencils haben nicht nur hohen Unterhaltungswert, wie etwa sein Graffiti zweier sich küssender englischer Bobbies. Sie sind auch mit antikapitalistischem oder politischem Anspruch versehen, so z.B. die Graffiti auf einer israelischen Grenzmauer in der Westbank mit Darstellungen von Kindern, die Löcher in den Beton hacken. Zu seinen berühmtesten Motiven zählt ein einen Blumenstrauß werfender Straßenkämpfer. Zuweilen werden die Schablonengraffiti mit Slogans kombiniert, um die politische Botschaft zu verstärken. Dabei dienen dem mittlerweile weltweit bekannten Street-Art-Künstler durchaus nicht nur Hauswände und Mauern als Untergrund; auch menschliche Arme und Beine und lebende Tiere werden mit Graffiti versehen.

Besonderes Aufsehen erregt Banksy mit seinen Museums-Aktionen, die erheblich zur Pflege seines subversiven Images beitragen: Banksy nimmt seinen Durchbruch in die Museumslandschaft quasi in die eigenen Hände, indem er sich - bewaffnet mit gefälschten oder ironisierten "Kunstwerken" und Klebstoff - in berühmte Museen einschleicht. Ein verfremdetes Flohmarktgemälde fällt 2003 in der Tate Gallery in London bereits nach 2 1/2 Stunden wieder von der Wand; das offensichtlich besser befestigte Bildnis eines Befehlshabers mit Sprühdose und der Aufschrift NO WAR im Brooklyn Museum New York wird hingegen erst nach acht Tagen (!) als Fake wahrgenommen. "Einmal passierte sogar das eigentlich Unmögliche: Ein Stück Mauer, das Banksy mit einer Darstellung im Stil einer frühen Höhlenzeichnung mit Urmensch, Einkaufswagen und verwundetem Wild versehen hatte, gefiel der Verwaltung des Londoner British Museum so gut, dass die Arbeit Eingang in die ständige Sammlung fand." *)

Seit einiger Zeit erzielen Arbeiten von Banksy Rekordpreise. Am 7. Februar 2007 wird eine Kegelszene mit Bomben ("Bombing middle England") bei Sotheby's für 102.000 Pfund (umgerechnet ca. 150.000 ) versteigert. Banksy kommentiert diesen Vorgang auf seiner Website mit den Worten "I can't believe you morons actually buy this shit." Wer sich auf Drucke auf Holz oder Leinwand im DIN A4- oder DIN A3-Format mit einem Banksy-Motiv beschränkt, die u.a. von einer Galerie in Spitalfields/London vertrieben werden, steht sich mit 30 - 35 Pfund wesentlich billiger. Am preiswertesten ist jedoch das Ausdrucken der Bilder, die im Internet zum freien Herunterladen zur Verfügung gestellt werden. **)

*) Zit. Kito Nedo: Künstler auf der Flucht. In: art. Das Kunstmagazin Nr.4/April 2007, S.28-31, hier S. 31.
**) Vgl. hierzu z.B. das Angebot unter www. spitalfieldsartmarket.co.uk
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